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20120722-024335.jpgQatar ist nicht nur das reichste Land der Welt (BIP/Kopf), sondern auch das dickste. Ungefähr die Hälfte der Erwachsenen ist fettleibig und gut 15 Prozent leiden an Diabetes. Verantwortlich dafür sind vor allem Bewegungsmangel und eine Liebe für Fastfood. Wie ich schon erwähnt habe ist eigentlich alles “Fast” Food, da viele Qataris unglaublich schnell essen. Ein Foto am Ende illustriert das humorvoll.

— Es ist ein gewisses Tabu, zu kritisieren, wie hier zwischen den Einheimischen geheiratet wird. Oftmals zwischen nahen Verwandten und nicht selten sogar zwischen Cousinen und Cousinen. Und das beschert den Qataris eine signifikante Zahl von Geburtsschäden und genetischen Erkrankungen. Das paradoxe daran: Jeder weiß davon, doch nur wenige handeln. Und das obwohl die Regierung mit großem Aufwand Kampagnen für das gesellschaftliche Bewusstsein dieser Probleme lanciert.

Mit den vorhandenen Ressourcen könnte Qatar in vielen Bereichen eine Vorbildrolle für andere Staaten einnehmen. Bislang beschränkt sich das aber neben einzelnen bemerkenswerten positiven Beispielen vor allem auf die monetären Möglichkeiten, die von Ländern mit weniger Bodenschätzen nicht kopiert werden können. Hervorzuheben sind eine überdurchschnittliche Frauenquote in den Toppositionen aller Wirtschaftssektoren und ebenfalls eine Frauenmehrheit an den Universitäten, sowie umfangreiche Stipendiatsprogramme für Leute aus armen Ländern, was vermutlich eine langfristig effektivere Aufbauhilfe darstellt, als Lastwagen voller Reis in diese Länder zu schicken. Wenn man bedenkt, dass sich Qatar innerhalb von nur zwei Generationen vom Stammeswesen zu schier unbegrenzten ökonischen Möglichkeiten, aber auch einem faulen, in klimatisierten Villas entspannenden Durchschnittsbürger entwickelt hat, überrascht diese Entwicklung nicht. Und doch finde ich es bemerkenswert, was sich bis heute entwickeln konnte.  Qatar ist ein sicheres und, gemessen an den anderen Golfstaaten, lieberales Land mit einer sich langsam herauskristallisierenden Demokratie und einem recht gut funktionierenden Rechtssystem. Es gibt Probleme, ja. Aber in Europa haben wir mehrere Jahrtausende benötigt, um vom Stammeswesen zur heutigen Gesellschaft zu gelangen. Mit dazwischen einigen hundert Jahren rechts- und friedenlosen Chaos.

Ich bin überzeugt, dass Qatar sich in vielen Bereichen weiter verbessern und auch einigen unserer mitteleuropäischen Standards annähern wird. Vielleicht aber wird Qatar in anderen Bereichen sogar an Europa vorbeiziehen. Möglicherweise dämmert es der Regierung irgendwann, dass man sogar zum Weltmarktführer der erneuerbaren Energien aufsteigen könnte. Bis das so weit ist, bleibt Qatar eines der Länder, die einen Pro Kopf Energieverbrauch von rund 10 Tonnen Ölequivalent haben und damit die Weltspitze anführen. Weltspitze sind auch die CO2-Emmisionen und der Wasserverbrauch pro Kopf. — Ich werde bald einen separaten Beitrag über diese Situation schreiben. Jetzt geht es zu einem Gespräch im Kulturberich. Ja, Sonntag ist der Montag in Qatar. Dafür sind Freitag und Samstag das Wochenende.

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Eine große Auswahl an Datteln, inmitten von Ramadandekoration.

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Msheireb. Ein neues Viertel entsteht. Auch als Laie erschließt sich mir die stadtplanerische Genialität die möglicherweise in diesem Konzept verborgen liegt. In diesem Stadtviertel das, bis auf ein paar alte Gebäude, vollständig neu gebaut wird, sollen sich die alten Traditionen Qatars mit der urbanen Infrastruktur des 21. Jahrhunderts vereinen. Ganz im Gegensatz zu den unter den Einheimischen heute weit verbreiteten frei stehenden Villen, soll hier eine verschachtelte und der alten Dorfstruktur nachempfundene Bebauung entstehen. Für mich logisch, dass die Meeresbrise bewusst zur Kühlung in das Viertel geleitet wird, auch logisch, dass eine Straßenbahn den Großteil des Nahverkehrs übernehmen werden soll. So weit der Plan in der Theorie. Ich bin skeptisch, ob ein solcher Wurf aus dem Ärmel die hiesige Gesellschaft kulturell verändern wird. Ob das enge Verhältnis zum Auto in einer sinnvollen Nutzung öffentlicher Nahverkehrsmittel, oder die Abschottung hinter den Wänden der Familienvilla in einer urbanen und kommunikativen Stadtatmosphäre aufgehen wird? Ich habe große Zweifel.

— Auch wenn das Ergebnis ungewiss und der beabsichtigte kulturelle Impuls vielleicht nur kosmetisch wirkt: Der Versuch ist lohnend und angesichts der gegenwärtigen Situation umso beeindruckender.

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— Anfang des 20. Jahrhunderts war Doha eine größere Ansammlung von Lehmhütten die größtenteils von perlentauchenden sesshaft gewordenen Beduinen bewohnt wurden. Heute ist es die Hauptstadt des Staates mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf weltweit (kaufkraftbereinigt). Auch wenn ich schon oft Kommentare gehört habe, dass den Qataris nicht viel anderes einfällt, als mit ihrem scheinbar endlosen Öl- und Gasgeld um sich zu schmeißen, gibt es in Qatar einige visionäre Vordenker. Sie stellen Fragen, deren Beantwortung womöglich der Schlüssel zu einer ökonomischen, und kulturellen Selbstständigkeit in der Post-Rohstoffäre sein kann.

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Um euch etwas zu verraten. Der Grund meines Aufenthaltes in Qatar ist nicht, Lösungen für die Herausforderungen zu geben, sondern die richtigen Fragen zu stellen.

Damit verabschiede ich mich in eine schwüle Nacht. So weit.

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