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Wie angekündigt, teile ich jetzt meine Reflektionen über das vergangene Feiertagswochenende. Zunächst kann ich feststellen, dass sich mein Schlafrhythmus in den letzten Tagen des Ramadans nochmals drastisch nach hinten verlagert hat. Neben dem Besuch der Moschee in der 27. Nacht möchte ich insbesondere die Nacht des letzten Tages auf den Eid Feiertag hervorheben. Da habe ich garnicht geschlafen. Zum einen lag das an diversen sozialen Aktivitäten, zum anderen am frühmorgendlichen Eid Gebet um 5:20 Uhr. Auch diese Mal habe ich Freunde begleitet. Das Eidgebet wird traditionell unter freiem Himmel gebetet, in unserem Fall gingen wir in ein Fußballstadion dessen perfekt gepflegter Rasen hunderten Gläubigen Platz bot. Neben dem Ende des Ramadan markiert dieses Gebet den Beginn des Eid, im Volksmund auch Zuckerfest genannt. Dazu werden ähnlich zur Weihnachtszeit Unmengen von Essen gekauft, und die aufwändigsten und tollsten Gerichte Zubereitet, die die Familien beherrschen.

Neben dem Einkauf von Essen kaufen die Menschen neue Kleider, Möbel und auch Autos für den Feiertag und der Gang zum Frisör scheint mir beinahe obligatorisch. Der beobachtete Andrang war derart groß, dass die Frisöre keine Zeit hatten, zwischen den Kunden die geschnittenen Haare aufzukehren.

Mit Eid feiern die Muslime weltweit die Rückkehr zu Speis und Trank tagsüber und danken für die Kraft, den Ramadan erleben und überstehen zu dürfen. Nach meinem persönlichen Eindruck hat die Belastung durch Dehydrierung und Arbeit trotz Nahrungsverzicht in den letzten Tagen für die Mehrheit meiner Kontakte zugenommen. Öfter denn je hörte ich die Worte Kopfschmerzen, trockener Mund und große Müdigkeit. Die Stimmung jedoch war positiv und trotzdem empfand ich viele Menschen als viel geduldiger und zuvorkommender als sonst. Auch wenn im Geschäftsbereich Fehler passierten, waren diese nach der Fastenfrage schnell verziehen.

Da es mehrere freie Tage für die große Mehrheit der Angestellten gibt, wird der Anlass genutzt, um noch einmal vermehrt Freunde zu treffen und auszugehen. Da das Feiern nicht mehr sanktioniert wird, werden Feste veranstaltet und ausgelassen konsumiert bevor seit heute für viele wieder die regulären Arbeitszeiten gelten. Einige Firmen und die Regierung spendieren ihren Angestellten allerdings ein bis zu zwei Wochen Ferien.

Nun versucht fast Jeder sich wieder an den alten Rhythmus zu gewöhnen. Manche träumen aber noch dem Ramadan hinterher, der Besonnenheit und der vielen besonderen Momente. Obwohl es mir schwerfällt, gelingt mir der Wechsel durch Disziplin langsam aber sicher. Es bleibt die Frage was ich im Ramadan gelernt habe? Vielleicht die Wertschätzung der gegenseitigen Rücksichtnahme in einer Selbstbezogenen Gesellschaft. Vielleicht die Wichtigkeit des Teilens mit ärmeren Menschen. Vielleicht  aber auch die Besinnung auf mich selbst und meine eigenen Werte und Überzeugungen. Ich habe während dieses Monats kulturell gefastet. Mein bisheriges Leben wurde ohne Übergang drastisch verändert; die Entbehrungen waren zahlreich und haben mich Kraft und Geduld gekostet. Insgesamt bin ich aber dankbar für die Erfahrung und bereue nichts. Schließlich habe ich viele neue Menschen getroffen, meinen kulturellen Horizont stark erweitert und viel über mich selbst gelernt.

Nach der Sendepause der letzten Tage möchte ich einmal innehalten und bewusst noch vorne schauen. Langsam stellt sich bei mir ein Gefühl des Bekannten ein. Nicht vertraut, aber auch nicht mehr völlig fremd. Das merke ich äußerlich an meiner fast vollständigen Orientierungsfähigkeit in der Stadt, innerhlich daran, dass ich ein Gefühl dafür entwickelt habe, wie die Stadt funktioniert, wohin die Einheimischen gehen. Ich bin mir sicher, dass sich meine Reflektionen auf subtilere Themen konzentrieren wird, da mein Blick des Außenseiters von Verlust bedroht ist. Ohne Anstrengung werden mir die schnellen Observationen über das alltägliche Leben in Qatar in Zukunft nicht mehr so leicht gelingen.

Das lässt mich zwar wehmütig werden, aber auch zufrieden. Jede Periode der Ankunft in einer neuen Stadt oder einem neuen Land wird in der Regel begleitet vom Konflikt zwischen Anpassung oder Bewahrung der alten Identität. Letztendlich ist zumindest ein Mittelweg aus beidem langfristig unvermeidlich. Auch deshalb wechseln beispielsweise Diplomaten ihren Einsatzort im Ausland nach einer gewissen Zeit, um den eigenen kulturellen Nenner nicht aus den Augen zu verlieren oder gar bewusst aufzugeben.

Mir ist bewusst, dass sich die Phasen einer Neuankunft an einem Ort wandeln. Ich bekämpfe das nicht, sondern freue mich auf die neuen Erfahrungen und die neuen Möglichkeiten die damit einhergehen.

Eine Beobachtung ist, dass mir Privilegien zuteil werden, die viele meiner nichtdeutschen Bekannten nicht genießen. Unklar ist mir dabei, ob es tatsächlich an meiner Nationalität oder einfach an meiner Hautfarbe liegt. Ja, das ist Rassismus. Ich habe die Absicht, diese Privilegien zum Wohle vieler einzusetzen. Ändern kann ich nichts an dem Umständen, außer durch Offenheit prinzipiell jeder Nationalität gegenüber. Scheinbar paradox mutet mir die Tatsache an, dass zum Beispiel in Sicherheitsfirmen mit Angestellten aus Ländern mit weniger privilegierten Status in Qatar, regelmäßig ihre eigenen Landsleute verschiedener Orte verweisen, die mir uneingeschränkt zur Verfügung stehen.

Ob das schale Gefühl, welches ich dadurch gewinne abnimmt, weiß ich nicht. Und eigentlich habe ich kein Interesse dass dieses Gefühl jemals verschwindet.

Bowling und Klimaanlage – Bowling and A/C //

 

Einkaufen und Eislaufen – Shopping and skating //

 

Ruinen und Kolonialrequisiten – Ruins and requisites //

 

Fastfood und Lieferservice – Fast-food and free delivery //

 

Fasten und Festmahl – Fasting and feast //

 

Parkplätze und Pkw – Parking and Cars

Diese Frage haben sich nicht nur zahlreiche Eltern gefragt, deren Kinder den abendlichen Gutenachgruß durch diverse Taktiken möglichst weit nach hinten schieben. Auch als gelegentlicher Nachtschwärmer habe ich mich das schon öfters gefragt. Die Feldstudie über Schlafentzug wurde dabei bislang in erster Linie durch Ausflüge in die großstädtische Nachtszene oder Besuch bei oder von Freunden und schließlich der Partnerin übernommen. Seltener waren Überstunden im Job und intensivere Phasen des Studierens oder die Lektüre eines fesselnden Buches. Da dies für den Großteil der Zeit nicht dem Alltag entsprach, oder zumindest in der Regel dazwischen ausreichend viele Nächte der Erholung lagen, möchte ich gerne feststellen, dass ich bislang verantwortungsvoll mit meiner schlafabhängigen Energie umgegangen bin.

Jetzt ist es Ramadan und die Uhren, bzw. der tägliche Rhythmus meiner Umgebung, scheint plötzlich anderen Gesetzen zu gehorchen. Aufgrund des Fastens und der für viele Leute reduzierten Arbeitszeit und Ferien etlicher Staatsangestellte, scheint das öffentliche Leben tagsüber weitgehend zum Erliegen zu kommen. In einem anderen Maßstab könnte ich das Gefühl gut mit dem Bild des verschlafenen südspanischen Dorfes zur Siestazeit illustrieren. Und sehr vergleichbar mit dem Wandel zur abendlichen Fiesta beginnen hier in Doha die öffentlichen Aktivitäten kurz vor dem Abendessen zu explodieren.

Zunächst kann man Leute beobachten, die in ihren Autos, müde und hungrig vom Tag, in großer Eile zum Fastenbrechen fahren. Etwas später kann man dann gestopft volle Cafés erleben. Auch die Straßen sind voll. Und das obwohl das Klima abends noch unangenehmer wird, als tagsüber. Sobald die Temperatur nach Sonnenuntergang nur wenige Grad sinkt, steigt die relative Luftfeuchtigkeit ins garantierte Schwitzniveau.

Anstelle der in Europa populären Heizpilze gibt es hier Kühlpilze, oder genauer gesagt Außenklimaanlagen. Diese erzeugen zwischen den beiden Enden der Außensitzbereiche einen Luftstrom etwas kühlerer Luft und sehen aus wie eine Mischung aus eckiger Flugzeugturbine und Industrielüfter. Unterstützung bekommen diese von einer Armada an Ventilatoren mit integrierten Wasserzerstäubern. Und doch hält die Hitze die Menschen nicht davon ab selbst auf den unklimatisierten Märkten wie dem Souq Waqif abends leidenschaftlich gerne einkaufen zu gehen.

Als Folge dieser Umstände und meines Bedürfnisses nach sozialem Leben hat sich auch mein Schlafrhythmus deutlich in die Nacht verlagert. Da sich das Aufstehen aber nur begrenzt nach hinten verschieben lässt, schlafe ich einfach viel weniger als sonst. Selbst bei der Intention der gelegentlichen frühen Nacht rauben mir entweder eine im ganzen Haus herumflitzende Maus oder interessante aber langatmige Diskussionen über Religion weiteren Schlaf. Wenn ich dann aber im Bett liege, leistet mir die geräuschvolle Klimaanlage noch ein modernes und ziemlich monotones Gutenachtlied.

Auch da der großmütterliche Rat anders lautet und einige Wissenschaftler die angebliche Wichtigkeit regelmäßigen und frühen Schlafens betonen, frage ich mich, wie die Gesellschaft hier dauerhaft so funktionieren kann.

Ich verabschiede mich in eine schwüle und kurze Nacht, oder was davon noch übrig ist.

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Man nehme einen gemütlichen Raum, stellt bequeme Sitzmöbel rein, bereitet Shishas vor und stellt Süssigkeiten wie frische Datteln bereit. Und fertig ist das übliche Abendprogramm der älteren Qataris. Entgegen dem Klischee, dass Qataris ihre Freizeit überwiegend in Shopping-Centern oder in Restaurants verbringen, habe ich den Eindruck, dass die Generation ab 50+ Ihre Zeit am liebsten im Kreise der Familie und enger Freunde verbringt. Und das gerne stundenlang. Dabei möchte ich bemerken, dass die Männer und Frauen jeweils unter sich bleiben.

Für mich spannend sind die Begrüßungsgesten, die sich je nach Stand und Alter in der Familie unterscheiden. Kommt ein älteres Familienmitglied in den Raum, erheben sich alle Anwesenden, um den reihum gehenden Ankömmling zu begrüßen. Junge Familienmitglieder geben den älteren dabei wahlweise Nasenstupser oder sogar einen Kuss auf die Nase. Umarmungen waren sehr selten. Das Händeschütteln ist häufig. Je nach Rang oder Ehre gerne auch schon mal länger. Mir fällt auf, dass ich als Fremder generell häufiger begrüßt werde, als zum Beispiel Brüder ähnlichen Alters, die sich meist täglich sehen.

Bei diesen täglichen Treffen werden die wichtigen Familienangelegenheiten genauso wie Politik oder gesellschaftliche Ereignisse besprochen. Auffallend ist aber, dass nicht über die Arbeit gesprochen wird. Vielleicht ist dieser Umstand mitverantwortlich dafür, dass die Qataris die ich kenne, allesamt einen entspannten Eindruck auf mich machen. Auch Symptome wie Burn-Out, sind mir bislang nicht aufgefallen. Diese Reflexion ist sehr wohl subjektiv und vor weitergehender Beobachtung, lediglich mein erster Eindruck.

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Frische Datteln von den hauseigenen Palmen. Der dunkle Teil ist nahezu flüssig, der helle Teil noch leicht holzig und knusprig, etwa wie Äpfel der Sorte Granny Smith

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Ein Angestellter bereitet Glutwürfel für die Shishas vor.

Der beste Strand in Doha

Der eine oder andere geneigte Leser wird sich bereits einmal gefragt haben, ob man in Qatar auch im Meer schwimmen kann. Und das in westlicher Bademode. Ja, Qatar ist ein muslimisches Land, jedoch liberal genug, um am Pool oder eben einem der vielen Strände sogar Bikinis zu erlauben. Meine Erfahrung ist, dass die Strände und Pools ziemlich leer sind. Liegt das an der großen Hitze? Oder trauen sich Qataris noch nicht, diese Freiheit zu nutzen? Abseits der Badestelle wird jedoch erwartet, dass man sich verhältnismäßig kleidet. Das heißt, Schultern und Beine bedeckt.

Ich habe den Eindruck, dass viele der hier lebenden Expats oder Touristen, sich nicht so streng an diesen Brauch halten. Vielleicht erklärt das die für mein Gefühl überdurchschnittlich kalte Innentemperatur in Einkaufszentren, die lange Ärmel beinahe obligatorisch macht. Richtig interessant wird, welchen Einfluss die zu erwartenden Touristen auf die Straßenkleidung haben, wenn Qatar die Fussballweltmeisterschaft 2022 austrägt. Bis dahin ist noch Zeit und in der Zwischenzeit werden etliche Bauprojekte, wie eine U-Bahn und eine Zugfernstrecke nach Bahrain (mit ICEs?) fertiggestellt. Inwiefern sich die Gesellschaft auf diesen möglichen starken Impuls vorbereitet bleibt abzuwarten.

Es gibt wirklich gute Strände in Qatar

Als erstes Beispiel für die wohltuend grünen Badeorte teile ich ein paar Eindrücke aus dem Sharq Village, welches für die Öffentlichkeit zugänglich ist und neben einem verheißungsvollen Spa auch mehrere hochpreisige Restaurants und ein cooles Café beherbergt.

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Allerdings gibt es derzeit nur einen einzigen nichtkommerziellen Strand in der Stadt. Zwischen Diplomatic Club und der Brücke zur Pearl gibt es einen recht beliebten und belebten Strand. Am Wochenende trifft man auf viele Leute. Viele Arabische Familien vergraulen es Europäern aber, allzu freizügig schwimmen zu gehen.

Eine bessere Alternative ist die Pearl und speziell das Qanat Quartier. Auch wenn die Strände privat sind, kann man mit ein wenig Charme die Guards überreden, den Durchgang zu erlauben.

Geheimtipps für Strände in Qatar

In der Zwischenzeit haben ein paar Leute ein Projekt gestartet, das viele versteckte, oder wenig bekannte Orte in Doha und ganz Qatar beschreibt. Dabei gibt es eine Reihe von versteckten Stränden, die auch mit normalen Stadtautos erreichbar sind, jedoch selbst an Wochenenden nur wenig besucht sind. Dabei zählen sie zu den schönsten Stränden im ganzen Land. Schaut mal auf der Homepage und klickt dort auf Beaches.

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beach photo from offbeatqatar.com

 

Daneben gibt es noch eine ganze Reihe von anderen versteckten Orten. Es lohnt sich diese auszuprobieren. Vor allem praktisch ist, dass es dort genaue Wegbeschreibungen und Angaben zur besten Zeit gibt. Wir haben schon viel Spaß damit gehabt.

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Lebensmittel sind in Qatar ähnlich billig wie in Deutschland. Diese Tatsache wird von einem besonders findigen Supermarkt dadurch untermauert, dass er sich übersetzt „gewinnmargenfreie Lebensmittel” nennt. Ich frage mich ernsthaft, wie das möglich sein soll. Einen Anreiz zum dortigen Einkauf hatte ich bisher nicht, da sich 200 m davon eine große Filiale von Almeera befindet. Almeera ist die einzige große einheimische Supermarktkette. An Ihr ist der Staat Qatar mit rund einem viertel der Anteile beteiligt. Im Almeera gibt es überwiegend arabische Lebensmittel.

Wieder entdeckte ich eine Hinweistafel des Handelsministeriums mit der charmanten Cartoonfigur, die nach eigenen Aussagen einem Freund in Deutschland ganz ähnlich sieht.

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Es ist keine Überraschung, dass auch hierzulande der Gigant Carrefour einige große Hypermärkte betreibt. Dort bekommt man neben Roquefort auch frischen Traubensaft aus Chardonnaytrauben und deutschen Räucherfisch. ja ja. Ganz schön dekadent. Abgesehen davon habe ich jetzt schon mehrfach den Eindruck gehabt, dass dort asiatische „Damen”, versuchen Kontakt mit einem aufzunehmen… ts ts ts.

Allerdings konnte ich keine Zartbitterschokolade finden, um für das heutige Iftar eine authentische hausgemachte Mousse au chocolat mitzubringen. Stattdessen wird es eine für meinen Geschmack viel zu süße Vollmilchmousse geben. Das Beweisfoto anbei.

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20120722-024335.jpgQatar ist nicht nur das reichste Land der Welt (BIP/Kopf), sondern auch das dickste. Ungefähr die Hälfte der Erwachsenen ist fettleibig und gut 15 Prozent leiden an Diabetes. Verantwortlich dafür sind vor allem Bewegungsmangel und eine Liebe für Fastfood. Wie ich schon erwähnt habe ist eigentlich alles “Fast” Food, da viele Qataris unglaublich schnell essen. Ein Foto am Ende illustriert das humorvoll.

— Es ist ein gewisses Tabu, zu kritisieren, wie hier zwischen den Einheimischen geheiratet wird. Oftmals zwischen nahen Verwandten und nicht selten sogar zwischen Cousinen und Cousinen. Und das beschert den Qataris eine signifikante Zahl von Geburtsschäden und genetischen Erkrankungen. Das paradoxe daran: Jeder weiß davon, doch nur wenige handeln. Und das obwohl die Regierung mit großem Aufwand Kampagnen für das gesellschaftliche Bewusstsein dieser Probleme lanciert.

Mit den vorhandenen Ressourcen könnte Qatar in vielen Bereichen eine Vorbildrolle für andere Staaten einnehmen. Bislang beschränkt sich das aber neben einzelnen bemerkenswerten positiven Beispielen vor allem auf die monetären Möglichkeiten, die von Ländern mit weniger Bodenschätzen nicht kopiert werden können. Hervorzuheben sind eine überdurchschnittliche Frauenquote in den Toppositionen aller Wirtschaftssektoren und ebenfalls eine Frauenmehrheit an den Universitäten, sowie umfangreiche Stipendiatsprogramme für Leute aus armen Ländern, was vermutlich eine langfristig effektivere Aufbauhilfe darstellt, als Lastwagen voller Reis in diese Länder zu schicken. Wenn man bedenkt, dass sich Qatar innerhalb von nur zwei Generationen vom Stammeswesen zu schier unbegrenzten ökonischen Möglichkeiten, aber auch einem faulen, in klimatisierten Villas entspannenden Durchschnittsbürger entwickelt hat, überrascht diese Entwicklung nicht. Und doch finde ich es bemerkenswert, was sich bis heute entwickeln konnte.  Qatar ist ein sicheres und, gemessen an den anderen Golfstaaten, lieberales Land mit einer sich langsam herauskristallisierenden Demokratie und einem recht gut funktionierenden Rechtssystem. Es gibt Probleme, ja. Aber in Europa haben wir mehrere Jahrtausende benötigt, um vom Stammeswesen zur heutigen Gesellschaft zu gelangen. Mit dazwischen einigen hundert Jahren rechts- und friedenlosen Chaos.

Ich bin überzeugt, dass Qatar sich in vielen Bereichen weiter verbessern und auch einigen unserer mitteleuropäischen Standards annähern wird. Vielleicht aber wird Qatar in anderen Bereichen sogar an Europa vorbeiziehen. Möglicherweise dämmert es der Regierung irgendwann, dass man sogar zum Weltmarktführer der erneuerbaren Energien aufsteigen könnte. Bis das so weit ist, bleibt Qatar eines der Länder, die einen Pro Kopf Energieverbrauch von rund 10 Tonnen Ölequivalent haben und damit die Weltspitze anführen. Weltspitze sind auch die CO2-Emmisionen und der Wasserverbrauch pro Kopf. — Ich werde bald einen separaten Beitrag über diese Situation schreiben. Jetzt geht es zu einem Gespräch im Kulturberich. Ja, Sonntag ist der Montag in Qatar. Dafür sind Freitag und Samstag das Wochenende.

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Eine große Auswahl an Datteln, inmitten von Ramadandekoration.

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Die letzten beiden Tage waren arm an Unternehmungen. Ich habe einem Freund geholfen, seinen Hausflur mit Laminat auszulegen. Als Nichtprofis haben wir wahrscheinlich einige Male mehr Zeit gebraucht, als Profis gebraucht hätten, dafür ist es aber präzise und ordentlich geworden. Wer noch nie probieren durfte, einen vielfach verwinkelten und türreichen Raum mit Laminat auszustatten, sollte das einmal probieren. Ich finde das ist eine großartige Art und Weise zu Meditieren oder sich zumindest in Geduld zu üben. Nach zwei Dritteln, wenn die einfache Seite bereits geschafft ist und die Türrahmen, Treppengeländer und so weiter anstehen und spätestens, wenn die scheinbar clever angefertigten Schablonen aus Pappe manchmal doch nicht helfen. Spätestens dann zeigt sich, ob man zur Geduld fähig ist und in sich ruht. Ganz nebenbei darf man sich gefühlte tausend mal bücken zum Verlegen und aufstehen zum Zuschneiden, das trainiert Bauch, Beine, Po und Rücken. Also eigentlich die ideale Freizeitbeschäftigung (-;

Das Laminat stammt tatsächlich aus Deutschland, die Geräte waren japanische, die Trittschallisolierung und das Stemmeisen aus Saudi Arabien. Irgendwann zwischen Stichsäge und Fuchsschwanz realisierte ich, dass Qatar so gut wie nichts außer Lebensmitteln, Erdölderivaten, Flüssiggas und Aluminiumrohlingen produziert. Letzteres übrigens im größten Aluminiumschmelzofen der Welt. Zwar hat Qatar keinen Bauxit (Der Rohstoff aus dem Aluminium gewonnen wird), aber extrem viel billigen Strom aus Gaskraftwerken.

Ich merke ich drifte ab — Ich werde die nächste Woche überraschend ohne meinen Gastgeber verbringen. Er fliegt heute ins Ausland, um einen unserer gemeinsam Freunde im Krankenhaus Gesellschaft beim Ramadan zu leisten, da dieser kurz vor seiner Rückreise nach Qatar spontan erkrankt ist und sogar operiert werden musste.

Statt euch weiter meine körperliche Erschöpfung in Form sinnlosen Schreibens weiterzugeben, teile ich einfach noch zwei Fotos ;-). Ab Heute ist dann Ramadan. Ich bleibe gespannt.

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Zwei indische Desserts: „Kesari Bath” und „Gulab Jamoon” Die gefühlt pro 100g Menge Dessert 200g Zucker und weitere hundert Gramm Fett enthalten. Wie das gehen soll? Ich habe keinen blassen Schimmer. Jedenfalls habe ich nach dem Verzehr Angst bekommen, augenblicklich an Diabetes zu erkranken. Die schaumige Flüssigkeit ist beidesmal indischer Gewürztee, der nach den Desserts ziemlich bitter herb schmeckte.

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Das Sheraton Hotel. Das könnte auch eine Requisite aus einem der alten Star Wars Filme sein, stammt aber aus den Siebziger Jahren. Zu der Zeit war ringsherum nichts als Wüstenboden. Die Bilder dazu werde ich organisieren und dann hochladen.

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Zugegeben, über Geschmack lässt es sich vortrefflich streiten, aber ich bin nach vier Tagen in Qatar an einem Punkt, an dem ich mich frage, wie manche Menschen hier ihren Geschmack entwickelt haben. Und doch überwiegt dabei deutlich die Neugierde. Ein Bereich in dem auch die Zentraleuropäer geschmacklich leidenschaftlich gerne polarisieren, ist das Auto. Auch wenn mich Autos persönlich bislang wenig interessiert haben, komme ich nicht umher, täglich für mich absurde, dekadente, riesige Autos zu entdecken die alle gemeinsam haben, dass Sie für meine bisherigen Verhältnisse richtig teuer sind. Gerne bediene ich das Vorurteil, dass die reichen Araber nichts anderes machen als dicke Autos zu fahren. Die Realität ist, dass hier Alle dicke Autos fahren, wenn Sie sich dies leisten können, auch die Europäer. Das liegt am Benzinpreis von 12ct./Liter und auch an den verschwindend geringen Steuern auf alles (Mit Ausnahme der Einkommen, denn die sind steuerfrei). Aber ich schweife vom Geschmack ab.

Ich habe den Eindruck, dass die Jugendlichen möglichst auffällige (amerikanische) Autos fahren, wohingegen die wirklich reichen Leute sich in Qatar vor allem auf den obligatorischen Landcruiser für schweres Gelände und schweren Feierabendverkehr verlassen. — Für die entspannte Stadtfahrt am Wochenende greifen sie dann gerne auf Fahrzeuge aus Bayern und Baden Württemberg zurück.

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Spannend wird die Geschmacksfrage für mich aber erst bei Lebensmitteln. Denn die schmecken wir eben mit all unseren Sinnen (Nein, das ungegerbte und so charakteristisch riechende Leder unter dem Porschefahrersitz zählt nicht). Die Küche meiner derzeitigen Unterkunft wird im Prinzip von drei Nationalitäten genutzt. Indien, Schottland und Deutschland. Versucht einmal anhand der folgenden Bilder herauszufinden, welches Fach wem gehört! Der Kühlschrank ist entsprechend sehr ähnlich gefüllt.

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das Fach auf dem Foto unten ist doppelt so groß, weil es von zwei Personen einer Nationalität genutzt wird.

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Es ist natürlich Unfug, hieraus eine Verallgemeinerung für die jeweiligen Länder abzuleiten, aber es ist so verführerisch sich dem Stereotyp hinzugeben. Ich überlasse den Rest eurer Fantasie…

Oha, mir fällt auf, dass ich bisher fast nur über das Essen und die Hitze schreibe. In dem Sinne schicke ich euch allen eine große Portion Sommerhitze und wünsche mir richtiges Brot und eine kühle Brise am Abend von euch!

Sauna öffentlich

Heute morgen durfte ich feststellen, dass das Duschen, wie ich es kenne, hier in Doha ein wenig anders funktioniert. Da das auf den Dächern in großen Tanks gespeicherte “kalte” Wasser inzwischen durch die Sonne ungefähr 60° Temperatur aufweist, und das in den Warmwasserboilern im Haus gespeicherte Haus durch die Klimaanlage schön kühl ist, war warm kalt und kalt warm. Mein übliches kaltes Abduschen geriet zu einem heißen Abduschen, mit “kaltem” Wasser. Und genau das tut besonders gut. Das heiße Wasser lässt mich die Hitze draußen viel besser ertragen.

Witzig dabei ist, dass wenn zu viele Leute in kurzer Zeit duschen, das kalte Wasser ausgeht. Dann kann man leider: Nur noch heiß Duschen.

Herrlich verkehrte Welt

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