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Heute möchte ich ein wenig Licht in ein verbreitetes Vorurteil bringen. “Der Großteil der Menschen in Qatar arbeitet zu Hungerlöhnen für reiche Einheimische und besserverdienende Expats.” Es ist richtig, dass hierzulande eine Mehrheit der Menschen, die im Dienstleistungs-, Bausektor und der Gastronomie tätig sind, verglichen mit ausgebildeten Gastakademikern und den Einheimischen, ziemlich wenig verdienen. Es gibt dadurch eine Einkommensschere, die sehr viel ausgeprägter ist, als in Deutschland. Teilverantwortlich dafür ist auch der durch die Politik bislang nicht vollständig beantwortete Ruf dieser Gastarbeiter nach höheren Mindestlöhnen. Vor allem aber die Tatsache, dass das qatarische Wirtschaftswachstum ohne die Hilfe hunderttausender Gastarbeiter garnicht möglich wäre. Grundsätzlich erinnert mich das an ein Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte, als auch Deutschland massiv auf die Hilfe ausländischer Arbeitskräfte angewiesen war. Damals in Deutschland, wie heute in Qatar profitieren diese Gastarbeiter. Denn Gemeinsam haben Alle, dass Sie mehr Geld für Ihre Arbeit erhalten, als wenn Sie in der Heimat den gleichen Tätigkeiten nachgehen würden, falls Sie dort überhaupt Arbeit finden würden. Ich möchte nicht ausschließen, dass in der Zukunft wieder aus ökonomischer Not Menschen aus Europa auswandern, um woanders ihr Glück zu finden.

Ich begebe mich zwar auf dünnes Eis (das in Qatar auch in Sekunden schmelzen würde) wenn ich diese Realität aus meiner (heutigen) Perspektive bewerte; gelegentlich habe ich mich zu gedanklichen Urteilen hinreißen lassen. Ich realisiere aber immer mehr, dass dies die Realität eines Großteils der Weltwirtschaft ist. Mit dem Unterschied, dass ich hier nicht in einem Land wie Deutschland lebe, in dem ich mir heutzutage eine andere, angenehmere Realität suggerieren lassen kann. Dadurch dass ich die Arbeiter der Billiglohnländer nicht sehen muss, die an der Produktion meiner Kleider, Haushaltsgeräte, Autos oder sonstigen Besitztümer beteiligt waren.

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— Trotz allem freue ich mich, mit diesem Kontrast in Qatar konfrontiert zu werden. Er gibt mir die Möglichkeit, mein Bewusstsein für meinen Konsum zu schärfen.