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Einem Anflug von Heimweh in Doha begegnete ich heute durch einen Ausflug zur deutschen Bäckerei in einem Luxusapartmentgebäude. Den Weg zur Kasse schaffte ein Kastenlaib Sorte »Vollkornbrot« sowie ein Körnerbrötchen, ein Roggenbrötchen und eine »Nussecken«. Ja, das stand tatsächlich auf den Schildchen.

Die Brötchen überlebten die anschließende Fahrt nicht, sie schmeckten sogar überraschend gut. Dem Preis nach zu urteilen waren dort goldene Kerne eingebacken.

Am Nachmittag wurde das Brot auf die Probe gestellt. Nun ja, verglichen mit einem guten durchschnittlichen deutschen Kastenbrot war es zu locker und die auffällig dunkle Färbung verriet die grosse Menge Zuckerkulör der verwendet wurde.

Warum schreibe ich über ein profanes Erlebnis wie dieses? Ich könnte behaupten, es waren die Emotionen die ich mit der Situation verbinde. Und auch wenn das für mich persönlich relevant ist, wurde ein ganz anderer, nicht weniger wichtiger Gedanke in meinem Kopf entzündet. Meine eigene kulturelle Identität und kulturelle Identität überhaupt.

Seit ein paar Wochen beobachte ich die kulturelle Identität der in Qatar lebenden Menschen. Was sehe ich dabei? Anpassungskampf, scheinbaren identitätsverlust, Abspaltung, Improvisation sowie Kompromisse, Gettoisierung und eine moderne kulturelle Salatschüssel oder die neudeutsche Mixing-Bowl.

Die Selbstbeobachtung zeigt mir, dass ich bereits beginne, einen größten gemeinsamen Nenner zu finden. Kaum vorhandene deutsche Kulturelemente werden zugunsten einer europäischen Kultur aufgegeben. Ein original französisches Baguette ersetzt plötzlich das steinofengebackene Sauerteigbrot und die früher verachteten holländischen Wassertomaten erscheinen plötzlich wie würdige Vertreter der besten sizilianischen Datteltomaten.

Warum ist das so? Vielleicht sind wir mittelfristig garnicht anpassungsfähig. Wir tun es zwar aus Zwang, aber wir lieben es nicht. Ich glaube, dass wir unsere Herkunft kaum ausblenden und nicht ersetzen können.

Auf diesem Gedanken erscheinen die weltweit anhaltend großen Flüchtlingsströme wie ein kultureller Genozid. Die Traditionen, die an das Land, den Boden, geknüpft sind, gehen unwiderruflich verloren.

Solange die Ablenkungen groß und zahlreich genug sind, gelingt es eine Zeit lang, den Umstand, in der Fremde zu sein, auszublenden. Lediglich die Volksgruppen in Qatar, die hinreichend zahlreich vertreten sind, schaffen sich ihre kulturelle Infrastruktur durch Geschäfte, Restaurants und andere kulturelle Einrichtungen und importieren sich ein Stück alte Heimat fern der vorherigen Heimat.

Wesentlich interessanter als die Nahrungsgewohnheiten scheinen jedoch kulturbedingte Verhaltensunterschiede zu sein. Hier in Qatar ist es populär über die mangelnden Fahrkenntnisse mancher Volksgruppen zu lästern. Das ist noch eine leichte Beobachtung. – Etwas unauffälliger werden die Unterschiede im Dienstleistungsbereich. Scheinbar eingebläut wird den Kellnern hier das »Sir« und eine möglichst unterwerfende Bedienungsform. Es Bedarf einiger Beobachtung, um weitere deutliche kulturelle Unterschiede zu entdecken. Auch weil die Sprache und Äußerlichkeiten die Beobachtung leicht ausfüllen. Noch subtiler werden die Unterschiede, die in Hinterzimmern oder auch Palästen entschieden werden. –
Ein Beispiel: nach einigen Besuchen in den USA und Großbritannien dachte ich, dass die Menge an Tüten, die man an den Supermarktkassen bekommt, ein Sättigungslevel erreicht hat. Ich hatte mich getäuscht. Hier in Qatar erhält man in der Regel beinahe für jedes gekaufte Produkt eine separate große Plastiktüte. Abgesehen davon, dass solch eine Praxis Quatsch ist und es den Transport nach Hause nur erschwert, frage ich mich, was der Grund dafür ist. Die Einpacker an der Kasse, die Filialleiter der Supermärkte, die Gesetzgeber, oder doch das Verhalten der Konsumenten. Konsumenten die sich möglicherweise durch gelegentliches Trinkgeld bei den Einpackern bedanken, dafür dass sie Zuhause Schränke mit Tüten füllen können und eine gute Ausrede hätten, dass sie die Tüten nicht mehr finden und mehrmals benutzen können?

Die Frage bleibt stehen, auch da sie suggestiv ist. Ich habe einen einzigen Versuch unternommen, benutzte Tüten zu einem Einkauf erneut mitzunehmen. Sie wurden von einem der beiden Einpacker dankend entgegengenommen und behände in einen Abfallkorb befördert. Selbst meine hartnäckige Aufforderung, meine neuwertigen Tüten für das Einpacken meines Einkaufs zu verwenden, wurde ebenso hartnäckig ignoriert. in Deutschland, wo man für jede Tüte Geld bezahlt, könnte man noch eine versteckte Profitmasche vermuten, aber hier! –

Was sagt uns das über kulturell bedingtes verhalten? Vielleicht, dass es zwar anstrengend sein kann das eigene nicht aufzugeben, jedoch auch einen kleinen Impuls zur Veränderung gibt. Die ökologische Gefahr der gemeinen Plastiktüte wurde bereits hinreichend wissenschaftlich untersucht. Das Wissen darüber erscheint mir jedoch noch exklusiv.

Mein Fazit: Ein Land das den wichtigsten Rohstoff für Plastik aus dem Hahn zapfen kann, besitzt nicht unbedingt die Erkenntnis diesen auch verantwortungsvoll zu benutzen.

Sollte diese Erkenntnis auf politischer Ebene bereits existieren, fehlt bislang jede Spur einer entsprechenden Gesetzgebung. Das Volk hat keinen inneren Anreiz, das Verhalten zugunsten einer besseren Nachhaltigkeit und des Umweltschutzes zu ändern. Meine Prognose ist, dass erst die jetzige junge Generation an gebildeten Qatari, die Teile ihres Studiums in Europa verbringen, später zurück in der Heimat echte Impulse zur gesellschaftlichen Veränderung setzen können. Wenn ich eine Empfehlung machen dürfte, würde ich den deutschen Kultusministern die Schaffung einer Infrastruktur ans Herz legen, die qatarischen Studenten ein Auslandsstudium in Deutschland schmackhaft machen kann. –

Bis dahin kann man sich an zaghaften Anzeichen eines wachsenden Umweltbewusstseins in Qatar erfreuen. Auch wenn es sich hier um ein Lifestyleprodukt für Gutbetuchte handelt…

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Derweil freue ich mich am deutschen Klischee des jutetaschentragenden Weltverbesserers auf dem Weg zum Bioladen. Die Wahrheit ist, wenn es mehr davon gäbe, könnte die Welt tatsächlich ein wenig schöner sein.

Bowling und Klimaanlage – Bowling and A/C //

 

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Fasten und Festmahl – Fasting and feast //

 

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YouTube FlipFlop

YouTube FlipFlop im Souq Waqif in Doha

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Im Anschluss an meinen letzten Eintrag möchte ich von einer Erfahrung am Abend berichten. Ich war mit zwei Freunden im Souq Waqeef, dem traditionellen „Stehbazar” unterwegs und unverhofft habe ich einige Ecken entdeckt, von deren Existenz ich vorher nichtmal gehört habe. Im besonderen geht es um einen indischen Gewürzladen in welchem sehr ästhetisch verschiedene Gewürze präsentiert waren. Bereits beim Betreten des Ladens stiegen wunderbar vertraute und andererseits gänzlich fremde Düfte in die Nase.

Im Gegensatz zum üblichen Asiastore mit der recht ansehnlichen Auswahl indischer Gewürze in kleinen Päckchen, durfte ich hier feststellen, dass alleine drei Qualitätsstufen grünen Kardamoms angeboten wurden. Mein unwissendes Auge konnte lediglich geringe Größenunterschiede wahrnehmen. Auch verschiedene Trocknungsstufen von Anissamen haben meine kulinarische Fantasie angeregt. So langsam wächst auch meine Lust selbst zu kochen, trotz des fantastischen Angebots bezahlbarer und toller Restaurants, immer weiter.

Eine Frage bleibt seit dem Besuch in meinem Kopf: Warum habe ich den Eindruck, dass die Qualität merklich besser als woanders ist und die Preise trotzdem teilweise um die Hälfte unter den üblichen Supermarktpreisen liegen? Ich werde es möglicherweise herausfinden.

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Lebensmittel sind in Qatar ähnlich billig wie in Deutschland. Diese Tatsache wird von einem besonders findigen Supermarkt dadurch untermauert, dass er sich übersetzt „gewinnmargenfreie Lebensmittel” nennt. Ich frage mich ernsthaft, wie das möglich sein soll. Einen Anreiz zum dortigen Einkauf hatte ich bisher nicht, da sich 200 m davon eine große Filiale von Almeera befindet. Almeera ist die einzige große einheimische Supermarktkette. An Ihr ist der Staat Qatar mit rund einem viertel der Anteile beteiligt. Im Almeera gibt es überwiegend arabische Lebensmittel.

Wieder entdeckte ich eine Hinweistafel des Handelsministeriums mit der charmanten Cartoonfigur, die nach eigenen Aussagen einem Freund in Deutschland ganz ähnlich sieht.

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Es ist keine Überraschung, dass auch hierzulande der Gigant Carrefour einige große Hypermärkte betreibt. Dort bekommt man neben Roquefort auch frischen Traubensaft aus Chardonnaytrauben und deutschen Räucherfisch. ja ja. Ganz schön dekadent. Abgesehen davon habe ich jetzt schon mehrfach den Eindruck gehabt, dass dort asiatische „Damen”, versuchen Kontakt mit einem aufzunehmen… ts ts ts.

Allerdings konnte ich keine Zartbitterschokolade finden, um für das heutige Iftar eine authentische hausgemachte Mousse au chocolat mitzubringen. Stattdessen wird es eine für meinen Geschmack viel zu süße Vollmilchmousse geben. Das Beweisfoto anbei.

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20120722-024335.jpgQatar ist nicht nur das reichste Land der Welt (BIP/Kopf), sondern auch das dickste. Ungefähr die Hälfte der Erwachsenen ist fettleibig und gut 15 Prozent leiden an Diabetes. Verantwortlich dafür sind vor allem Bewegungsmangel und eine Liebe für Fastfood. Wie ich schon erwähnt habe ist eigentlich alles “Fast” Food, da viele Qataris unglaublich schnell essen. Ein Foto am Ende illustriert das humorvoll.

— Es ist ein gewisses Tabu, zu kritisieren, wie hier zwischen den Einheimischen geheiratet wird. Oftmals zwischen nahen Verwandten und nicht selten sogar zwischen Cousinen und Cousinen. Und das beschert den Qataris eine signifikante Zahl von Geburtsschäden und genetischen Erkrankungen. Das paradoxe daran: Jeder weiß davon, doch nur wenige handeln. Und das obwohl die Regierung mit großem Aufwand Kampagnen für das gesellschaftliche Bewusstsein dieser Probleme lanciert.

Mit den vorhandenen Ressourcen könnte Qatar in vielen Bereichen eine Vorbildrolle für andere Staaten einnehmen. Bislang beschränkt sich das aber neben einzelnen bemerkenswerten positiven Beispielen vor allem auf die monetären Möglichkeiten, die von Ländern mit weniger Bodenschätzen nicht kopiert werden können. Hervorzuheben sind eine überdurchschnittliche Frauenquote in den Toppositionen aller Wirtschaftssektoren und ebenfalls eine Frauenmehrheit an den Universitäten, sowie umfangreiche Stipendiatsprogramme für Leute aus armen Ländern, was vermutlich eine langfristig effektivere Aufbauhilfe darstellt, als Lastwagen voller Reis in diese Länder zu schicken. Wenn man bedenkt, dass sich Qatar innerhalb von nur zwei Generationen vom Stammeswesen zu schier unbegrenzten ökonischen Möglichkeiten, aber auch einem faulen, in klimatisierten Villas entspannenden Durchschnittsbürger entwickelt hat, überrascht diese Entwicklung nicht. Und doch finde ich es bemerkenswert, was sich bis heute entwickeln konnte.  Qatar ist ein sicheres und, gemessen an den anderen Golfstaaten, lieberales Land mit einer sich langsam herauskristallisierenden Demokratie und einem recht gut funktionierenden Rechtssystem. Es gibt Probleme, ja. Aber in Europa haben wir mehrere Jahrtausende benötigt, um vom Stammeswesen zur heutigen Gesellschaft zu gelangen. Mit dazwischen einigen hundert Jahren rechts- und friedenlosen Chaos.

Ich bin überzeugt, dass Qatar sich in vielen Bereichen weiter verbessern und auch einigen unserer mitteleuropäischen Standards annähern wird. Vielleicht aber wird Qatar in anderen Bereichen sogar an Europa vorbeiziehen. Möglicherweise dämmert es der Regierung irgendwann, dass man sogar zum Weltmarktführer der erneuerbaren Energien aufsteigen könnte. Bis das so weit ist, bleibt Qatar eines der Länder, die einen Pro Kopf Energieverbrauch von rund 10 Tonnen Ölequivalent haben und damit die Weltspitze anführen. Weltspitze sind auch die CO2-Emmisionen und der Wasserverbrauch pro Kopf. — Ich werde bald einen separaten Beitrag über diese Situation schreiben. Jetzt geht es zu einem Gespräch im Kulturberich. Ja, Sonntag ist der Montag in Qatar. Dafür sind Freitag und Samstag das Wochenende.

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Eine große Auswahl an Datteln, inmitten von Ramadandekoration.

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