Über Qatar wurde in jüngster Zeit viel in den deutsche Medien berichtet. Vor einem Jahr war es das, für manche überraschende, militärische Eingreifen in Libyen. Vor knapp zwei Jahren stand die ebenfalls unerwartete Vergabe der Fußball Weltmeisterschaft 2022 an Katar im Mittelpunkt, und kürzlich wurde in Deutschland über den möglichen Export deutscher Rüstungsgüter in das kleine aber wachsende Land am persischen Golf debattiert.

Zum besseren Verständnis lohnt sich ein Blick in die jüngere Geschichte des Landes, angesichts dessen die Entwicklung der letzten Jahrzehnte besonders eindrucksvoll erscheint. —

Noch Anfang des letzten Jahrhunderts lebte Qatar wirtschaftlich vom Fischfang, dem Tauchen nach Perlen sowie dem Handel. Bis auf wenige Oasen im Landesinneren war das Land größtenteils nur in vereinzelten Küstensiedlungen bewohnt.

Dass Qatar vor einigen tausend Jahren eine dichte Vegetation aufwies und wesentlich dichter besiedelt war als heute, ist beim Anblick der Wüste schwer vorstellbar. Aufgrund seiner strategischen Lage war es in der Vergangenheit jedoch öfters das Ziel von Übernahmeversuchen, die jedoch auch mit Hilfe der Briten abgewehrt wurden.

Auch heute leben noch einige Zeitzeugen in Qatar, die ohne Klimaanlagen oder gar Elektrizität aufgewachsen sind. In mühevoller Arbeit rangen Sie der Wüste und dem Meer früher eine karge Lebensgrundlage ab. — Die Kinder der alten Generation und deren Kinder leben heute in einem Land der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten und frei jeglicher wirtschaftlicher Bedürftigkeit. Die körperliche Arbeit, welche die „Gründungsväter“ des modernen Qatars noch intensiv betrieben, ist heute allein den zahlreichen Gastarbeitern vorbehalten. Die Folgen sind eine gefühlt weit verbreitete Passivität der jungen Generation sowie erhebliche Gesundheitsprobleme.

Der Staat hat darauf mit einer Reihe von Aktivitäten reagiert; Programme zur Förderung sportlicher Betätigung und der National Sports Day am zweiten Dienstag im Februar.

Zusätzlich versucht der Staat, die Gesellschaft zu einer Wissensgesellschaft zu wandeln. Durch die Kooperation mit einigen namhaften amerikanischen Universitäten, und durch die Förderung – und Einkauf – von Kunst und Kultur. Jedoch besteht mit der Qatar University auch ein längeres eigenes akademisches Streben dieses winzigen Erdölriesen. Bemerkenswert ist dort die mit über 70% relativ hohe Quote an weiblichen Studenten.

Den Zeichen wachsender Teilnahme der Frauen in der öffentlichen Gesellschaft stehen noch relativ strikte gesellschaftliche Normen entgegen, die aus westlicher Sicht schwer verständlich sind, jedoch eine tiefe Verwurzelung in der jüngeren Qatarischen Geschichte aufweisen. Diese Traditionen wirken aus deutscher Sicht eindeutig patriarchalisch. Angesichts der überwältigen Frauenmehrheit bei den zukünftigen Akademikern dürfte sich dieser Umstand in wenigen Generationen jedoch stark wandeln.

Neben der gesellschaftlichen Struktur kann man in Qatar leicht die Vielzahl an bestehenden Infrastrukturprojekten sehen. Angesichts der geplanten Fußball Weltmeisterschaft 2022 lassen sich bei anhaltendem oder vermutlich zunehmendem Entwicklungstempo auch unzählige zukünftige Bauvorhaben erahnen.

Was ist der Preis, den Qatar dafür zahlt? Eine Überwältigende Mehrheit ausländischer Fachkräfte sowie unqualifizierter Bauarbeiter steht eine wachsende, jedoch immer noch deutlich kleinere qatarische Bevölkerung gegenüber. Das hat ein Zusammentreffen verschiedenster Nationalitäten und Kulturen zur Folge, welche sich – fern der Heimat –  gegenüber den anderen Immigranten tendenziell eher abkapseln. Durch den überwiegend zeitlich begrenzten temporären Aufenthalt vieler Gastarbeiter wird dies noch verstärkt.

Die qatarische Bevölkerung hat andererseits mit einer Entfremdung der eigenen Traditionen und dem Verlust des kulturellen Erbes zu kämpfen. Auch das führt teilweise zu einer deutlichen Abgrenzung gegenüber anderen Nationalitäten, aber nicht zwangsläufig zu der Entwicklung einer klaren Identität Qatars.

Dabei ist Qatar eines der Länder, in denen die Umbrüche des arabischen Frühlings bislang die geringsten direkten Auswirkungen bewirkt haben. Dies ist ein Risiko und eine Chance zugleich. Abgesehen davon, dass Qatar im jetzigen Zustand für Investoren weiterhin eine Goldmine bleibt, hat Qatar eine vergleichsweise große Chance, zwischen dem Osten und dem Westen zu vermitteln. Vorausgesetzt, alle Menschen in Qatar beginnen, nach ihren Gemeinsamkeiten zu suchen anstatt der sekundären Unterschiede.