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YouTube FlipFlop im Souq Waqif in Doha

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Im Anschluss an meinen letzten Eintrag möchte ich von einer Erfahrung am Abend berichten. Ich war mit zwei Freunden im Souq Waqeef, dem traditionellen „Stehbazar” unterwegs und unverhofft habe ich einige Ecken entdeckt, von deren Existenz ich vorher nichtmal gehört habe. Im besonderen geht es um einen indischen Gewürzladen in welchem sehr ästhetisch verschiedene Gewürze präsentiert waren. Bereits beim Betreten des Ladens stiegen wunderbar vertraute und andererseits gänzlich fremde Düfte in die Nase.

Im Gegensatz zum üblichen Asiastore mit der recht ansehnlichen Auswahl indischer Gewürze in kleinen Päckchen, durfte ich hier feststellen, dass alleine drei Qualitätsstufen grünen Kardamoms angeboten wurden. Mein unwissendes Auge konnte lediglich geringe Größenunterschiede wahrnehmen. Auch verschiedene Trocknungsstufen von Anissamen haben meine kulinarische Fantasie angeregt. So langsam wächst auch meine Lust selbst zu kochen, trotz des fantastischen Angebots bezahlbarer und toller Restaurants, immer weiter.

Eine Frage bleibt seit dem Besuch in meinem Kopf: Warum habe ich den Eindruck, dass die Qualität merklich besser als woanders ist und die Preise trotzdem teilweise um die Hälfte unter den üblichen Supermarktpreisen liegen? Ich werde es möglicherweise herausfinden.

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Lebensmittel sind in Qatar ähnlich billig wie in Deutschland. Diese Tatsache wird von einem besonders findigen Supermarkt dadurch untermauert, dass er sich übersetzt „gewinnmargenfreie Lebensmittel” nennt. Ich frage mich ernsthaft, wie das möglich sein soll. Einen Anreiz zum dortigen Einkauf hatte ich bisher nicht, da sich 200 m davon eine große Filiale von Almeera befindet. Almeera ist die einzige große einheimische Supermarktkette. An Ihr ist der Staat Qatar mit rund einem viertel der Anteile beteiligt. Im Almeera gibt es überwiegend arabische Lebensmittel.

Wieder entdeckte ich eine Hinweistafel des Handelsministeriums mit der charmanten Cartoonfigur, die nach eigenen Aussagen einem Freund in Deutschland ganz ähnlich sieht.

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Es ist keine Überraschung, dass auch hierzulande der Gigant Carrefour einige große Hypermärkte betreibt. Dort bekommt man neben Roquefort auch frischen Traubensaft aus Chardonnaytrauben und deutschen Räucherfisch. ja ja. Ganz schön dekadent. Abgesehen davon habe ich jetzt schon mehrfach den Eindruck gehabt, dass dort asiatische „Damen”, versuchen Kontakt mit einem aufzunehmen… ts ts ts.

Allerdings konnte ich keine Zartbitterschokolade finden, um für das heutige Iftar eine authentische hausgemachte Mousse au chocolat mitzubringen. Stattdessen wird es eine für meinen Geschmack viel zu süße Vollmilchmousse geben. Das Beweisfoto anbei.

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Die Fassade der goldenen Moschee ist fast vollständig mit vergoldetem Glasmosaik bedeckt.

Der kultur- und bei uns als museumsfrei bekannte Montag zwang mich gestern zur Nutzung freier Zeit. Auf dem Weg zum Iftar machte ich einen kleinen Umweg zu Katara. Der Beiname „The valley of cultures” verrät seine Funktion. Es handelt sich um eine dichte Ansammlung von Bildungseinrichtungen der bildenden-visuellen und darstellenden Kunst, Kinematographie sowie Musik umgeben von einer Oper, einer Schauspielbühne und einem zentralen griechischen Amphitheater. Daneben haben sich mehrere gemeinnützige Organisationen wie das Kinderkulturzentrum und außerdem ein Radiosender angesiedelt.

Zum befriedigen der kulinarischen Kulturlust gibt es eine verfeinerte Auswahl an Erlebnisgastronomie aus verschiedenen Ländern. Und zur Überraschung einmal kein Fast Food.

Das ganze wurde architektonisch geschickt in verwinkelten und schattenspendenen Gassen rings um das eindrucksvolle Amphitheater, welches sich zum Meer hin öffnet, angeordnet. Neben diesem erzeugen einige markante Gebäude wie die Katara Moschee und die „Goldene Moschee” oder mehrere Taubentürme aus Lehm ein ziemlich einzigartiges Flair. Zugegeben, aufgrund der frühen Stunde und des Ramadans, weshalb ich beinahe der einzige Besucher war, wirkte die Anlage noch ein wenig steril und erinnerte leicht an einen Vergnügungspark. Statt das ganze zu klimatisieren standen einige mehrsitzige Golfcarts samt Fahrer bereit, mich mich kostenlos durch die ganze Anlage zu führen. Bei über 43°C im Schatten gegen 17 Uhr war ich ganz dankbar dafür.

Beim Klangtest im Zentrum des Amphitheaters, bei dem selbst das leiseste Flüstern erwartungsgemäß glasklar von den Sitzrängen zurückschalte fühlte ich mich augenblicklich an eine Schulfahrt nach Griechenland und das Amphitheater von Epidauros zurückversetzt.

Amphietheater Katara

Das Amphietheater in Katara kurz vor Sonnenuntergang.

Das alles klingt nach einem geballten kulturellen Zentrum, ist aber im Vergleich zum Nachholbedarf  und Entwicklungspotenzial Qatars eher ein Tropfen auf dem heißen Wüstensand. Die weitere Entwicklung der nationalen Kulturszene vorausgesetzt, könnte sich dieser Tropfen aber schon bald zu einem Teich oder gar See entwickeln. Zumal sich zwei Drittel des Gesamtgeländes Kataras noch in der Bauphase befinden.

Schon oft habe ich die Kritik gehört, dass die Araber vermutlich denken, Sie könnten alles mit Geld kaufen. Ja, alles was man für Geld kaufen kann, können Sie sich tatsächlich kaufen. Und das konnten die Römer, Babylonier oder chinesischen Kaiser und auch andere vermögende Völker und Herrscher zu Ihrer Zeit. Ich finde nichts verwerflich daran, den Geltungsanspruch einer Nation in großartigen und auch teuren Bauwerken zu formulieren. Das Kolloseum in Rom, Versailles, das Taj Mahal oder gar Neuschwanstein sind Beispiele für solche, dem Überfluss entsprungene Bauwerke. Wenn diese, wie im Falle Kataras der Bevölkerung auch noch einen Sinn stiften, umso besser.

Dort wo jedoch allein die Größe oder Höhe und nicht Sinn und Funktion eines Bauwerkes Grundlage der Diskussion ist, habe ich meine Zweifel an der Nachhaltigkeit der Architektur für eine Gesellschaft.

Um beim französischen Beispiel zu bleiben, erlaube ich mir daran zu erinnern, dass ein Großteil der dort ausgestellten Kunstwerke Auftragsarbeiten reicher Kunstliebhaber sind. Mein Fazit: Wenn wir die Angst vor dem Identitätsverlust der europäischen Kunst- und Kulturszene ablegen, könnte auch die heimische Kultur von der Entwicklung und den finanziellen Möglichkeiten am persischen Golf nachhaltig profitieren.

Taubenhaus aus Lehm

Doha gestern und heute.

Die Veränderung der Skyline Dohas innerhalb weniger Jahre.

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20120722-024335.jpgQatar ist nicht nur das reichste Land der Welt (BIP/Kopf), sondern auch das dickste. Ungefähr die Hälfte der Erwachsenen ist fettleibig und gut 15 Prozent leiden an Diabetes. Verantwortlich dafür sind vor allem Bewegungsmangel und eine Liebe für Fastfood. Wie ich schon erwähnt habe ist eigentlich alles “Fast” Food, da viele Qataris unglaublich schnell essen. Ein Foto am Ende illustriert das humorvoll.

— Es ist ein gewisses Tabu, zu kritisieren, wie hier zwischen den Einheimischen geheiratet wird. Oftmals zwischen nahen Verwandten und nicht selten sogar zwischen Cousinen und Cousinen. Und das beschert den Qataris eine signifikante Zahl von Geburtsschäden und genetischen Erkrankungen. Das paradoxe daran: Jeder weiß davon, doch nur wenige handeln. Und das obwohl die Regierung mit großem Aufwand Kampagnen für das gesellschaftliche Bewusstsein dieser Probleme lanciert.

Mit den vorhandenen Ressourcen könnte Qatar in vielen Bereichen eine Vorbildrolle für andere Staaten einnehmen. Bislang beschränkt sich das aber neben einzelnen bemerkenswerten positiven Beispielen vor allem auf die monetären Möglichkeiten, die von Ländern mit weniger Bodenschätzen nicht kopiert werden können. Hervorzuheben sind eine überdurchschnittliche Frauenquote in den Toppositionen aller Wirtschaftssektoren und ebenfalls eine Frauenmehrheit an den Universitäten, sowie umfangreiche Stipendiatsprogramme für Leute aus armen Ländern, was vermutlich eine langfristig effektivere Aufbauhilfe darstellt, als Lastwagen voller Reis in diese Länder zu schicken. Wenn man bedenkt, dass sich Qatar innerhalb von nur zwei Generationen vom Stammeswesen zu schier unbegrenzten ökonischen Möglichkeiten, aber auch einem faulen, in klimatisierten Villas entspannenden Durchschnittsbürger entwickelt hat, überrascht diese Entwicklung nicht. Und doch finde ich es bemerkenswert, was sich bis heute entwickeln konnte.  Qatar ist ein sicheres und, gemessen an den anderen Golfstaaten, lieberales Land mit einer sich langsam herauskristallisierenden Demokratie und einem recht gut funktionierenden Rechtssystem. Es gibt Probleme, ja. Aber in Europa haben wir mehrere Jahrtausende benötigt, um vom Stammeswesen zur heutigen Gesellschaft zu gelangen. Mit dazwischen einigen hundert Jahren rechts- und friedenlosen Chaos.

Ich bin überzeugt, dass Qatar sich in vielen Bereichen weiter verbessern und auch einigen unserer mitteleuropäischen Standards annähern wird. Vielleicht aber wird Qatar in anderen Bereichen sogar an Europa vorbeiziehen. Möglicherweise dämmert es der Regierung irgendwann, dass man sogar zum Weltmarktführer der erneuerbaren Energien aufsteigen könnte. Bis das so weit ist, bleibt Qatar eines der Länder, die einen Pro Kopf Energieverbrauch von rund 10 Tonnen Ölequivalent haben und damit die Weltspitze anführen. Weltspitze sind auch die CO2-Emmisionen und der Wasserverbrauch pro Kopf. — Ich werde bald einen separaten Beitrag über diese Situation schreiben. Jetzt geht es zu einem Gespräch im Kulturberich. Ja, Sonntag ist der Montag in Qatar. Dafür sind Freitag und Samstag das Wochenende.

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Eine große Auswahl an Datteln, inmitten von Ramadandekoration.

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Gestern Abend durfte ich das Iftar im Kreise der Familie eines qatarischen Freundes erleben. Dazu trafen wir uns in der Familienmedjeles. Die Medjeles ist eine Art Familienwohnzimmer, die aber ein separates Gebäude ist und keinem Wohnhaus direkt angeschlossen ist. Dort gibt es mehrere große Räume, die je nach Funktion unterschiedlich eingerichtet sind. Zum Sitzen und Reden mit vielen Sesseln entlang der Wand. Zum Essen mit einem langen großen Perserteppich auf dem Boden. Und einzig zum Beten während des Ramadan ebenfalls mit Teppichen ausgestattet: in der Regel nur für Maghrib (Gebet nach dem Sonnenuntergang) sowie Isha (Nach Einbruch der Nacht) und Taraweeh (Nachtgebet zwischen Isha und Fajr [Morgengebet vor Sonnenaufgang]). Andere Nutzungen des dritten Raumes sind mir bislang nicht bekannt.

Zusätzlich besitzt diese Medjeles einen Waschraum, eine Küche und einen kleinen Innenhof. Die Ausstattung und Größe variiert stark und hängt vor allem vom Vermögen und Geltungsanspruch der Familie ab. Gemein haben aber alle Medjeles, dass sie ein Ort des Austauschs und der Geselligkeit sind, zu dem gelegentlich auch Freunde eingeladen werden. Die Traditionalisten unter den Qataris nutzen dazu auch gerne große Zelte. Im Sommer klimatisierte, im “Winter” klassische Beduinenzelte aus dicker Wolle. Bei der Elite der Qataris kann die Medjeles dann auch schon mal die Ausmaße eines kleinen Palastes einnehmen.

Zum Ablauf der Mahlzeit selbst kann ich nicht viel schreiben, außer dass von den knapp 35 Anwesenden während des Essens niemand auch nur ein Wort gesprochen hat. Nach einem Tag des Verzichts war der Hunger und Durst vermutlich so groß, dass das Essen andächtig geschah. Ich hebe das hervor, da die Essensrunden in der Vergangenheit zu gewöhnlichen Mahlzeiten mitunter ziemlich gesprächig waren und der Kontrast diesmal sehr groß. Da dies für Alle ein sehr privater Augenblick war, gibt es davon leider kein Foto. Ich überlass das eurer Fantasie. — Ich bin dankbar, auch als Nichtmuslim trotzdem als Gast an der Kultur teilhaben zu können. In manchen Ländern wäre das vielleicht nicht möglich.

Ein Platzhalter für die fehlenden Bilder des Iftar. Eine Hammer Kombination. Vollmundige Datteln mit geröstetem Sesam und vereinzelten Anissamen.

Es gab eine unüberschaubare Auswahl an herzhaften und süßen Gerichten, pflückfrischen und innen fast flüssigen Datteln und einigen Getränken, wie frischer Minzlimonade, Säften und Wasser. Beim anschließenden Beisammensein im “Loungeraum” wurden arabischer Kaffe in kleinen Gläschen und eine eiskalte Süßigkeit, die wie eine etwas übergroße weiche Praline mit leicht flüssigem Kern beschrieben werden kann, gereicht. — Doch trotz des Hungers haben die Qataris wie gewohnt extrem schnell, bzw. kurz gegessen. Alleine da ich das richtige Kauen beim essen bevorzuge, werde ich mich daran wohl nie gewöhnen. Zurück blieb ein Berg von Essen, der allerdings unter den Angestellten verteilt wurde.

Die einzigen Wolken, die heute hier zu sehen waren

Ich werde wohl die Nacht noch davon träumen, und wie so oft auch von kaltem Wetter und Regen. Ja, seid dankbar für den Niederschlag in Europa. Hier in Qatar regnet es durchschnittlich nur an 8 Tagen im Jahr. Und im Sommer ist die hohe Luftfeuchtigkeit von rund 90% nur dazu da, um den Körper noch schneller in den Schweiß zu treiben, zum Regen wird die im Sommer leider nie. Am Abend war es um 22:00 Uhr immer noch 39° C “warm”. Ciao

Ramadan in Doha

An example of the mosaics you can find often in Qatar.

Die letzten beiden Tage waren arm an Unternehmungen. Ich habe einem Freund geholfen, seinen Hausflur mit Laminat auszulegen. Als Nichtprofis haben wir wahrscheinlich einige Male mehr Zeit gebraucht, als Profis gebraucht hätten, dafür ist es aber präzise und ordentlich geworden. Wer noch nie probieren durfte, einen vielfach verwinkelten und türreichen Raum mit Laminat auszustatten, sollte das einmal probieren. Ich finde das ist eine großartige Art und Weise zu Meditieren oder sich zumindest in Geduld zu üben. Nach zwei Dritteln, wenn die einfache Seite bereits geschafft ist und die Türrahmen, Treppengeländer und so weiter anstehen und spätestens, wenn die scheinbar clever angefertigten Schablonen aus Pappe manchmal doch nicht helfen. Spätestens dann zeigt sich, ob man zur Geduld fähig ist und in sich ruht. Ganz nebenbei darf man sich gefühlte tausend mal bücken zum Verlegen und aufstehen zum Zuschneiden, das trainiert Bauch, Beine, Po und Rücken. Also eigentlich die ideale Freizeitbeschäftigung (-;

Das Laminat stammt tatsächlich aus Deutschland, die Geräte waren japanische, die Trittschallisolierung und das Stemmeisen aus Saudi Arabien. Irgendwann zwischen Stichsäge und Fuchsschwanz realisierte ich, dass Qatar so gut wie nichts außer Lebensmitteln, Erdölderivaten, Flüssiggas und Aluminiumrohlingen produziert. Letzteres übrigens im größten Aluminiumschmelzofen der Welt. Zwar hat Qatar keinen Bauxit (Der Rohstoff aus dem Aluminium gewonnen wird), aber extrem viel billigen Strom aus Gaskraftwerken.

Ich merke ich drifte ab — Ich werde die nächste Woche überraschend ohne meinen Gastgeber verbringen. Er fliegt heute ins Ausland, um einen unserer gemeinsam Freunde im Krankenhaus Gesellschaft beim Ramadan zu leisten, da dieser kurz vor seiner Rückreise nach Qatar spontan erkrankt ist und sogar operiert werden musste.

Statt euch weiter meine körperliche Erschöpfung in Form sinnlosen Schreibens weiterzugeben, teile ich einfach noch zwei Fotos ;-). Ab Heute ist dann Ramadan. Ich bleibe gespannt.

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Zwei indische Desserts: „Kesari Bath” und „Gulab Jamoon” Die gefühlt pro 100g Menge Dessert 200g Zucker und weitere hundert Gramm Fett enthalten. Wie das gehen soll? Ich habe keinen blassen Schimmer. Jedenfalls habe ich nach dem Verzehr Angst bekommen, augenblicklich an Diabetes zu erkranken. Die schaumige Flüssigkeit ist beidesmal indischer Gewürztee, der nach den Desserts ziemlich bitter herb schmeckte.

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Das Sheraton Hotel. Das könnte auch eine Requisite aus einem der alten Star Wars Filme sein, stammt aber aus den Siebziger Jahren. Zu der Zeit war ringsherum nichts als Wüstenboden. Die Bilder dazu werde ich organisieren und dann hochladen.

Burj Qatar

Eines der Wahrzeichen der Stadt. Ein beeindruckender, hässlicher, aluminiumverkleideter Wolkenkratzer mit zweideutiger Form.

Wassermelone, geschnitzt

Eine Dekoration anlässlich des am 20.Juli beginnenden Ramadans.

Am kommenden Freitag beginnt für die muslimische Welt der wichtigste Monat des Jahres. Der Ramadan. Der Alltag dreht sich für Muslime fortan um das Fasten tagsüber und das allabendliche Fastenbrechen. Aber auch die Nichtmuslime müssen sich gezwungenermaßen an den veränderten Rhythmus anpassen. Ein Großteil der Restaurants hat tagsüber geschlossen, wie auch viele Supermärkte und andere Geschäfte. Auch das Verzehren von Speisen und Getränken, sowie Rauchen in der Öffentlichkeit wird als grober Affront gewertet und kann leicht zu einer Verwarnung durch die Polizei führen. Auch das öffentliche Tanzen und Singen sind einen Monat lang nicht erwünscht.

Also, wie läuft ein typische Tag für die Muslime im Land ab? Nach Sonnenuntergang wird Iftar verzehrt: Eine kleine Mahlzeit, wie Datteln, getrocknete Aprikosen und Säfte. Anschließend wird das Abendgebet gebetet. Erst danach wird ein üblicherweise opulentes Festmahl im Kreise der Familie und mit Freunden eingenommen. Traditionell sind dabei gegrillte ganze Tiere wie Lämmer oder Ziegen. Qatarische Freunde von mir grillen zu Anlässen wie diesem auch schon mal ein Babykamel! Dieses stammt dann vom eigenen Bauernhof. 

Neben Iftar wird Suhoor verzehrt. In Qatar passiert dies häufiger im Anschluss an Iftar und ufert auch zu richtigen Partys mit großen Buffets, Unterhaltungsprogrammen und Co. bis in die späte Nacht aus. Viele Menschen essen Suhoor allerdings tatsächlich kurz vor Sonnenaufgang. 

Nach Ende des Monats feiern die Muslime Eid Al-Fitr und Eid Al-Adha. Das erste ist das Feiern des Fastenendes. Das zweite ist das Opferfest, bei dem viele Tiere wie Schafe und Ziegen geschlachtet werden. Dieser Tag hat eine ökonomische Bedeutung wie die Weihnachtsfeiertage in der westlichen Welt. Die Menschen beschenken sich gegenseitig und verzehren eine große Zahl von aufwändigen und teuren Süssigkeiten. Außerdem werden die feinsten Kleider und sogar neue Möbel für diesen Anlass gekauft.

Und da sind wir bei einer großen Gemeinsamkeit unserer Kulturen: Der Konsum.

Ich bin gespannt, wie ich die nächsten fünf Wochen erlebe und werde euch berichten.

 

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Msheireb. Ein neues Viertel entsteht. Auch als Laie erschließt sich mir die stadtplanerische Genialität die möglicherweise in diesem Konzept verborgen liegt. In diesem Stadtviertel das, bis auf ein paar alte Gebäude, vollständig neu gebaut wird, sollen sich die alten Traditionen Qatars mit der urbanen Infrastruktur des 21. Jahrhunderts vereinen. Ganz im Gegensatz zu den unter den Einheimischen heute weit verbreiteten frei stehenden Villen, soll hier eine verschachtelte und der alten Dorfstruktur nachempfundene Bebauung entstehen. Für mich logisch, dass die Meeresbrise bewusst zur Kühlung in das Viertel geleitet wird, auch logisch, dass eine Straßenbahn den Großteil des Nahverkehrs übernehmen werden soll. So weit der Plan in der Theorie. Ich bin skeptisch, ob ein solcher Wurf aus dem Ärmel die hiesige Gesellschaft kulturell verändern wird. Ob das enge Verhältnis zum Auto in einer sinnvollen Nutzung öffentlicher Nahverkehrsmittel, oder die Abschottung hinter den Wänden der Familienvilla in einer urbanen und kommunikativen Stadtatmosphäre aufgehen wird? Ich habe große Zweifel.

— Auch wenn das Ergebnis ungewiss und der beabsichtigte kulturelle Impuls vielleicht nur kosmetisch wirkt: Der Versuch ist lohnend und angesichts der gegenwärtigen Situation umso beeindruckender.

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— Anfang des 20. Jahrhunderts war Doha eine größere Ansammlung von Lehmhütten die größtenteils von perlentauchenden sesshaft gewordenen Beduinen bewohnt wurden. Heute ist es die Hauptstadt des Staates mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf weltweit (kaufkraftbereinigt). Auch wenn ich schon oft Kommentare gehört habe, dass den Qataris nicht viel anderes einfällt, als mit ihrem scheinbar endlosen Öl- und Gasgeld um sich zu schmeißen, gibt es in Qatar einige visionäre Vordenker. Sie stellen Fragen, deren Beantwortung womöglich der Schlüssel zu einer ökonomischen, und kulturellen Selbstständigkeit in der Post-Rohstoffäre sein kann.

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Um euch etwas zu verraten. Der Grund meines Aufenthaltes in Qatar ist nicht, Lösungen für die Herausforderungen zu geben, sondern die richtigen Fragen zu stellen.

Damit verabschiede ich mich in eine schwüle Nacht. So weit.

Wüste in Qatar

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Heute möchte ich ein wenig Licht in ein verbreitetes Vorurteil bringen. “Der Großteil der Menschen in Qatar arbeitet zu Hungerlöhnen für reiche Einheimische und besserverdienende Expats.” Es ist richtig, dass hierzulande eine Mehrheit der Menschen, die im Dienstleistungs-, Bausektor und der Gastronomie tätig sind, verglichen mit ausgebildeten Gastakademikern und den Einheimischen, ziemlich wenig verdienen. Es gibt dadurch eine Einkommensschere, die sehr viel ausgeprägter ist, als in Deutschland. Teilverantwortlich dafür ist auch der durch die Politik bislang nicht vollständig beantwortete Ruf dieser Gastarbeiter nach höheren Mindestlöhnen. Vor allem aber die Tatsache, dass das qatarische Wirtschaftswachstum ohne die Hilfe hunderttausender Gastarbeiter garnicht möglich wäre. Grundsätzlich erinnert mich das an ein Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte, als auch Deutschland massiv auf die Hilfe ausländischer Arbeitskräfte angewiesen war. Damals in Deutschland, wie heute in Qatar profitieren diese Gastarbeiter. Denn Gemeinsam haben Alle, dass Sie mehr Geld für Ihre Arbeit erhalten, als wenn Sie in der Heimat den gleichen Tätigkeiten nachgehen würden, falls Sie dort überhaupt Arbeit finden würden. Ich möchte nicht ausschließen, dass in der Zukunft wieder aus ökonomischer Not Menschen aus Europa auswandern, um woanders ihr Glück zu finden.

Ich begebe mich zwar auf dünnes Eis (das in Qatar auch in Sekunden schmelzen würde) wenn ich diese Realität aus meiner (heutigen) Perspektive bewerte; gelegentlich habe ich mich zu gedanklichen Urteilen hinreißen lassen. Ich realisiere aber immer mehr, dass dies die Realität eines Großteils der Weltwirtschaft ist. Mit dem Unterschied, dass ich hier nicht in einem Land wie Deutschland lebe, in dem ich mir heutzutage eine andere, angenehmere Realität suggerieren lassen kann. Dadurch dass ich die Arbeiter der Billiglohnländer nicht sehen muss, die an der Produktion meiner Kleider, Haushaltsgeräte, Autos oder sonstigen Besitztümer beteiligt waren.

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— Trotz allem freue ich mich, mit diesem Kontrast in Qatar konfrontiert zu werden. Er gibt mir die Möglichkeit, mein Bewusstsein für meinen Konsum zu schärfen.

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Zugegeben, über Geschmack lässt es sich vortrefflich streiten, aber ich bin nach vier Tagen in Qatar an einem Punkt, an dem ich mich frage, wie manche Menschen hier ihren Geschmack entwickelt haben. Und doch überwiegt dabei deutlich die Neugierde. Ein Bereich in dem auch die Zentraleuropäer geschmacklich leidenschaftlich gerne polarisieren, ist das Auto. Auch wenn mich Autos persönlich bislang wenig interessiert haben, komme ich nicht umher, täglich für mich absurde, dekadente, riesige Autos zu entdecken die alle gemeinsam haben, dass Sie für meine bisherigen Verhältnisse richtig teuer sind. Gerne bediene ich das Vorurteil, dass die reichen Araber nichts anderes machen als dicke Autos zu fahren. Die Realität ist, dass hier Alle dicke Autos fahren, wenn Sie sich dies leisten können, auch die Europäer. Das liegt am Benzinpreis von 12ct./Liter und auch an den verschwindend geringen Steuern auf alles (Mit Ausnahme der Einkommen, denn die sind steuerfrei). Aber ich schweife vom Geschmack ab.

Ich habe den Eindruck, dass die Jugendlichen möglichst auffällige (amerikanische) Autos fahren, wohingegen die wirklich reichen Leute sich in Qatar vor allem auf den obligatorischen Landcruiser für schweres Gelände und schweren Feierabendverkehr verlassen. — Für die entspannte Stadtfahrt am Wochenende greifen sie dann gerne auf Fahrzeuge aus Bayern und Baden Württemberg zurück.

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Spannend wird die Geschmacksfrage für mich aber erst bei Lebensmitteln. Denn die schmecken wir eben mit all unseren Sinnen (Nein, das ungegerbte und so charakteristisch riechende Leder unter dem Porschefahrersitz zählt nicht). Die Küche meiner derzeitigen Unterkunft wird im Prinzip von drei Nationalitäten genutzt. Indien, Schottland und Deutschland. Versucht einmal anhand der folgenden Bilder herauszufinden, welches Fach wem gehört! Der Kühlschrank ist entsprechend sehr ähnlich gefüllt.

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das Fach auf dem Foto unten ist doppelt so groß, weil es von zwei Personen einer Nationalität genutzt wird.

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Es ist natürlich Unfug, hieraus eine Verallgemeinerung für die jeweiligen Länder abzuleiten, aber es ist so verführerisch sich dem Stereotyp hinzugeben. Ich überlasse den Rest eurer Fantasie…

Oha, mir fällt auf, dass ich bisher fast nur über das Essen und die Hitze schreibe. In dem Sinne schicke ich euch allen eine große Portion Sommerhitze und wünsche mir richtiges Brot und eine kühle Brise am Abend von euch!

Sauna öffentlich

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Wie die meisten von euch wissen, essen manche Menschen ohne Besteck und benutzen stattdessen Ihre Hände. Die muslimischen Araber und insbesondere alle Golfanrainer benutzen aber lediglich die rechte Hand. Die linke Hand gilt als unrein. Wenn ich überlege, dass Toilettenpapier zumindest hier in Qatar nicht so beliebt ist…, dann kann ich das verstehen. Es gibt hier die identischen Wasserbrausen am Klo, wie in Finnland. Jedoch gibt es in Finnland noch die Kombination aus Papier und Brause.

Heute hatte ich jedoch die große Ehre zu einem exzellenten iranischen Restaurant zu gehen wo, wer hätte das gedacht, auch mit den Händen (der rechten Hand) gegessen wird.Es heißt El Dehleez Restaurant. Es gab “laham arabi ma3 mandhi”. Lamm auf Reis mit Sauce und mutierten Riesenrucolablättern die mit einer halben Zwiebel und drei Vierteln einer Zitrone garniert wurden. Das ganze wird auf einer Wegwerf”Tisch”decke angerichtet. Auf den ersten Blick spartanisch, aber lecker. Liebe Vegetarier, sorry! Aber das Fleisch war so zart, wie man es sich nur schwer vorstellen kann. Es fiel quasi beinahe selbsttätig vom Knochen. Allerdings wäre die Benutzung einer Gabel deutlich weniger lust- und Genussvoll gewesen als meine rechte Hand. Probiert mal aus, mit eurer Hand zu essen. Es lohnt sich. Überdies machen uns das unsere 1-3 Jährigen Zeitgenossen schon so schön vor.

Der Rhythmus ist das Gewönungsbedürftigste für mich in Doha. Vorhin, um 1:20 haben wir dann unser spätes Abendessen eingenommen. Eine extrem dünne Schawarmarolle. Wie aus 1001 Nacht. Nach geheimnisvollen Gewürzen und Kräutern duftend. Es wundert mich, dass das öffentliche Leben sich nicht vollständig in die kühleren Nachstunden verlagert. Allerdings sind durchaus viele der zahlreichen Baustellen tagsüber inaktiv. Nach Sonnenuntergang ertönt wieder das dann gespenstige Klopfen, Klingen und Hämmern eines wahren Heeres an Gastarbeitern aus den ärnsten asiatischen Ländern.

Gute Nacht und träumt schön von exotischen Speisen und Getränken.

Heute morgen durfte ich feststellen, dass das Duschen, wie ich es kenne, hier in Doha ein wenig anders funktioniert. Da das auf den Dächern in großen Tanks gespeicherte “kalte” Wasser inzwischen durch die Sonne ungefähr 60° Temperatur aufweist, und das in den Warmwasserboilern im Haus gespeicherte Haus durch die Klimaanlage schön kühl ist, war warm kalt und kalt warm. Mein übliches kaltes Abduschen geriet zu einem heißen Abduschen, mit “kaltem” Wasser. Und genau das tut besonders gut. Das heiße Wasser lässt mich die Hitze draußen viel besser ertragen.

Witzig dabei ist, dass wenn zu viele Leute in kurzer Zeit duschen, das kalte Wasser ausgeht. Dann kann man leider: Nur noch heiß Duschen.

Herrlich verkehrte Welt

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Himmel über der Türkei

Der erste Gang heute Morgen führte mich auf unsere Dachterasse. Die knapp 10 Minuten haben sich wie eine milde und trockene Sauna angefühlt, wohingegen meine Ankunft gestern sich noch wie eine Biosauna anfühlte, allerdings mit hoher Luftfeuchtigkeit. Wie erwartet habe ich von oben kein Leben auf der Straße wahrgenommen. Und doch hat es sich gut angefühlt, nach den Wochen des Spätwinterwetters in Hamburg richtig gut durchgewärmt zu werden.

Was machen aber die anderen Einwohner, um mit der großen Wärme umzugehen? Alle Bau-, Straßen- oder Gartenarbeiter tragen einen Beduinenartige Kopfbedeckung und scheinen dadurch einigermaßen über die Runden zu kommen.

Die Inder trinken einen, Karak genannten, süßen, starken und ziemlich heißen Schwarztee mit Milch (den auch viele Qataris lieben). Und er hilft tatsächlich, auch wenn ich erstmal noch mehr schwitze. Außerdem essen diese, wie allseits bekannt auch hier höllisch scharfes Essen.

Die Qataris tragen lange Baumwollunterhosen unter “Thobe” genannten weißen langen Gewändern und Kopftuch. Die Frauen übrigens in Schwarz. „Warum das?” fragte ich verwundert. „Weil der schwarze Stoff noch dünner sein kann, ohne transparent zu werden” war die Antwort. Aha.

Inklusive der restlichen Leute halten sich aber alle, die es sich erlauben können, bevorzugt in klimatisierten Autos, Häusern oder Einkaufszentren auf. In den Malls kann man auch im Sommer sportlich aktiv herumlaufen, um die verbrannten Kalorien wieder mit allerlei ungesunden Zuckerwaren aufzufüllen. Ich habe den Eindruck, dass das Bruttoinlandsprodukt in Qatar zwar Konsumententräume wahr werden lässt, jedoch das Bewusstsein, wofür das Geld ausgegeben wird, bei einer Mehrheit der Einheimischen nicht sehr ausgeprägt ist. Also fast wie in Deutschland. Der Unterschied zu Europa ist, dass hier viele Menschen zusätzlich zum üppigen Geld auch verdammt viel Freizeit haben. Mein Eindruck ist, dass es keine Normalgewichtigen Qataris gibt. Entweder sind sie sehr schlank, oder sehr dick. Entsteht dieser Eindruck womöglich durch den Kleidungsstil?

Einige der Fragen, die mich überhaupt nach Qatar gebracht haben: welche Impulse könnten die Antriebslosigkeit und Komsumlust der jungen qatarischen Generation wandeln? Unter welchen Bedingungen kann sich die Identität der qatarischen Gesellschaft im eigenen Land neu erfinden? Und, was macht Qatar abgesehen vom Erdgasreichtum und einer rasanten wirtschaftlichen Entwicklung überhaupt aus? Jedoch werde ich darauf bei anderer Gelegenheit tiefer eingehen.

Zum Abschluss dieses ungeplanten Blogeintrags schicke ich euch den Beweis, dass deutsches Bier auch bei den Arabern weit vorne mitmischt ;-). “ein Gruß in die Heimat”.

So long. Bis bald.

Holstenbier arabisch

Zurück in Doha. Mit jedem Schritt die Gangway hinunter, wurde es 2°C wärmer. Um 20.45 immerhin noch 40° Außentemperatur. Da war das Essen bei einem fantastischen pakistanischen und vor allem klimatisierten Restaurant großartig lecker und großartig entspannend.

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