Archives for the day of: 16/07/2012

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Msheireb. Ein neues Viertel entsteht. Auch als Laie erschließt sich mir die stadtplanerische Genialität die möglicherweise in diesem Konzept verborgen liegt. In diesem Stadtviertel das, bis auf ein paar alte Gebäude, vollständig neu gebaut wird, sollen sich die alten Traditionen Qatars mit der urbanen Infrastruktur des 21. Jahrhunderts vereinen. Ganz im Gegensatz zu den unter den Einheimischen heute weit verbreiteten frei stehenden Villen, soll hier eine verschachtelte und der alten Dorfstruktur nachempfundene Bebauung entstehen. Für mich logisch, dass die Meeresbrise bewusst zur Kühlung in das Viertel geleitet wird, auch logisch, dass eine Straßenbahn den Großteil des Nahverkehrs übernehmen werden soll. So weit der Plan in der Theorie. Ich bin skeptisch, ob ein solcher Wurf aus dem Ärmel die hiesige Gesellschaft kulturell verändern wird. Ob das enge Verhältnis zum Auto in einer sinnvollen Nutzung öffentlicher Nahverkehrsmittel, oder die Abschottung hinter den Wänden der Familienvilla in einer urbanen und kommunikativen Stadtatmosphäre aufgehen wird? Ich habe große Zweifel.

— Auch wenn das Ergebnis ungewiss und der beabsichtigte kulturelle Impuls vielleicht nur kosmetisch wirkt: Der Versuch ist lohnend und angesichts der gegenwärtigen Situation umso beeindruckender.

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— Anfang des 20. Jahrhunderts war Doha eine größere Ansammlung von Lehmhütten die größtenteils von perlentauchenden sesshaft gewordenen Beduinen bewohnt wurden. Heute ist es die Hauptstadt des Staates mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf weltweit (kaufkraftbereinigt). Auch wenn ich schon oft Kommentare gehört habe, dass den Qataris nicht viel anderes einfällt, als mit ihrem scheinbar endlosen Öl- und Gasgeld um sich zu schmeißen, gibt es in Qatar einige visionäre Vordenker. Sie stellen Fragen, deren Beantwortung womöglich der Schlüssel zu einer ökonomischen, und kulturellen Selbstständigkeit in der Post-Rohstoffäre sein kann.

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Um euch etwas zu verraten. Der Grund meines Aufenthaltes in Qatar ist nicht, Lösungen für die Herausforderungen zu geben, sondern die richtigen Fragen zu stellen.

Damit verabschiede ich mich in eine schwüle Nacht. So weit.

Wüste in Qatar

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Heute möchte ich ein wenig Licht in ein verbreitetes Vorurteil bringen. “Der Großteil der Menschen in Qatar arbeitet zu Hungerlöhnen für reiche Einheimische und besserverdienende Expats.” Es ist richtig, dass hierzulande eine Mehrheit der Menschen, die im Dienstleistungs-, Bausektor und der Gastronomie tätig sind, verglichen mit ausgebildeten Gastakademikern und den Einheimischen, ziemlich wenig verdienen. Es gibt dadurch eine Einkommensschere, die sehr viel ausgeprägter ist, als in Deutschland. Teilverantwortlich dafür ist auch der durch die Politik bislang nicht vollständig beantwortete Ruf dieser Gastarbeiter nach höheren Mindestlöhnen. Vor allem aber die Tatsache, dass das qatarische Wirtschaftswachstum ohne die Hilfe hunderttausender Gastarbeiter garnicht möglich wäre. Grundsätzlich erinnert mich das an ein Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte, als auch Deutschland massiv auf die Hilfe ausländischer Arbeitskräfte angewiesen war. Damals in Deutschland, wie heute in Qatar profitieren diese Gastarbeiter. Denn Gemeinsam haben Alle, dass Sie mehr Geld für Ihre Arbeit erhalten, als wenn Sie in der Heimat den gleichen Tätigkeiten nachgehen würden, falls Sie dort überhaupt Arbeit finden würden. Ich möchte nicht ausschließen, dass in der Zukunft wieder aus ökonomischer Not Menschen aus Europa auswandern, um woanders ihr Glück zu finden.

Ich begebe mich zwar auf dünnes Eis (das in Qatar auch in Sekunden schmelzen würde) wenn ich diese Realität aus meiner (heutigen) Perspektive bewerte; gelegentlich habe ich mich zu gedanklichen Urteilen hinreißen lassen. Ich realisiere aber immer mehr, dass dies die Realität eines Großteils der Weltwirtschaft ist. Mit dem Unterschied, dass ich hier nicht in einem Land wie Deutschland lebe, in dem ich mir heutzutage eine andere, angenehmere Realität suggerieren lassen kann. Dadurch dass ich die Arbeiter der Billiglohnländer nicht sehen muss, die an der Produktion meiner Kleider, Haushaltsgeräte, Autos oder sonstigen Besitztümer beteiligt waren.

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— Trotz allem freue ich mich, mit diesem Kontrast in Qatar konfrontiert zu werden. Er gibt mir die Möglichkeit, mein Bewusstsein für meinen Konsum zu schärfen.

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